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„Bei uns auf der Schule gibt es keine Kinder von Hausmeistern. Wir haben hier nur Kinder von Ärzten, Anwälten und anderen Akademikern“

Ich war 10 Jahre alt, als dieser Satz mir auf dem Gymnasium vor 39 anderen Kindern um die Ohren flog. Wir mussten zu Beginn der 5. Klasse ein Blatt ausfüllen und ein paar schriftliche Angaben machen. Mir war das entsetzlich peinlich und ich wäre am liebsten in den Erdboden versunken. Ich wusste einfach keine Antwort darauf, was mein Papa beruflich wirklich machte.

Ziemlich geknickt bin ich an diesem Tag nach Hause gegangen und habe meinen Eltern davon erzählt. Meine Mutter war entsetzt, mein Vater hat herzhaft gelacht.

Auf meine Frage: „Papa, was bist Du denn jetzt?“, meinte er nur grinsend „Schreib einfach Halbkreisingenieur, wenn sie einen akademischen Titel brauchen.“

Es dauerte eine Weile, bis ich ihm die korrekte Bezeichnung entlocken konnte:

„Leitender technischer Angestellter bei der Justiz.“

Für mich war das einfach mein Vater, der einen Blaumantel bei der Arbeit anhatte, Leuten aus dem Aufzug half, die gesamte Heizung des Justizgebäudes am Laufen hielt und tatsächlich auch manchmal den Hof gekehrt hat. Dass er gelernter Feinmechaniker war, seinen Meister darin gemacht und Führungskraft war, das konnte ich weder sehen noch habe ich das in dem Alter wirklich verstanden (und es hat mich auch nicht interessiert).

Auf dem Elternabend wurde meine Mutter gefragt, ob denn sie, ihr Mann oder die anderen Kinder Abitur gemacht hätten. Die Antwort lautete „Nein“. Ihr wurde daraufhin geraten, mich von der Schule zu nehmen. Grund: Ich hatte eine 4 in Latein 😉 und meine Mutter solle bitte aufhören, ihre verpassten Chancen auf ihr Kind, also mich, zu übertragen.

Gott sei Dank hat das damals die Mathematiklehrerin mitbekommen, sich über die Äußerung der Klassenlehrerin geärgert und meinte nur: „Die Niki bleibt auf dem Gymnasium!“.

Ender der sechsten Klasse entschuldigte sich die Lehrerin- eine Ordensschwester- bei der Verteilung der Zeugnisse bei mir. Sie hätte mich falsch eingeschätzt.

In der Zwischenzeit war ich Klassensprecherin, hatte passable Noten und war zum höflichsten Mädchen meines Jahrganges gewählt worden (so einen absoluten Blödsinn kann sich auch nur eine Mädchenschule ausdenken).

Die Entschuldigung kam für mich zwei Jahre zu spät und es war mir auch kein Trost mehr oder Genugtuung. Geblieben sind, eine gewisse Abneigung gegen die katholische Kirche (pardon). Oder wie meine Mutter immer sagte: „Ich glaube an Gott, aber nicht an sein Bodenpersonal.“ Ein starker Gerechtigkeitssinn, das Streben nach Gleichberechtigung und die Erkenntnis, wie man sich fühlt, wenn man in die falsche Schublade gesteckt wird. Aber auch das schöne Erlebnis und die Erfahrung, dass es immer jemanden gibt, der an Dich glaubt, wie wichtig Mentoren sind und dass sich vieles ertragen lässt, wenn man es mit Humor nimmt.

Und wie wichtig es ist, sich vorurteilsfrei zu begegnen.