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Altersdiskriminierung im Recruiting überwinden

Aktuellen Studien* zufolge findet in den Auswahlverfahren immer mehr Altersdiskriminierung statt. Die Auswertungen überraschen mich – nicht mehr.

Seit meinem 26. Lebensjahr arbeite ich im Personalbereich. Das sind jetzt fast 30 Jahre. Gleich am Anfang meiner HR-Laufbahn hatte ich die wunderbare und anspruchsvolle Aufgabe, ein grandioses Team von 50-plus-Expert:innen aus dem Finance-Bereich in einem Projekt zu begleiten. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sich die Kolleg:innen bei mir damals bedankt haben, dass ich mit ihnen so wertschätzend zusammengearbeitet habe. Das hätten sie in der Form noch nicht erlebt und von einer so „jungen Frau“ auch nicht erwartet. Ich war damals erstaunt über diese Aussage, war ich doch von Anfang an von deren Know-how und starken Persönlichkeit beeindruckt – das Alter hatte mich nicht interessiert. Ich fand schon damals, auch vermeintlich „junge Menschen“ können ganz schön alt wirken.

Vorurteile gegenüber älteren Arbeitnehmenden

23 Jahre später höre ich bei meinen Live-Jobinterview-Coachings immer wieder klassische Vorurteile und unverhohlene „Begeisterung“ gegenüber älteren Kandidaten mit Ü-50-Personalverantwortlichen im Bewerbungsprozess. Und nein, damit sind nicht nur oder ausschließlich HR-Kolleg:innen gemeint. Ich spreche auch von Abteilungsleitern und Geschäftsführern.

Das Schlimme daran ist, dass diese festgefahrenen Klischees und Stereotypen sich auch bei den Ansprechpartnern wiederfinden, die gleich alt oder sogar älter sind. Anscheinend macht es einen Unterschied, auf welcher Seite des Schreibtisches man sich befindet. Anders kann ich mir dieses Phänomen jedenfalls nicht erklären.

Jung ist keine Frage des Alters. Das sagt zumindest der Kopf, jedoch nicht die Emotion. Diese wird durch Bilder und allen voran veraltete Assoziationen hervorgerufen. Älterwerden wird mit der Vorstellung von Verlust, Krankheit und Gebrechlichkeit verbunden, und sie hält immer noch Einzug in den Personalabteilungen unserer modernen Arbeitswelt.

Personaler trotz Arbeitskräftemangel wählerisch

Noch immer ist die „Wünsch dir was“-Einstellung sehr stark bei den Rekrutierungsprozessen in den Unternehmen zu spüren. Nicht nur, was das Alter anbelangt.

Gerade bei uns Frauen spürt man immer wieder das Thema „Alter“. Zieht es sich doch wie ein roter Faden durch unser (Arbeits-)Leben. Ich musste letztens schmunzeln, als ich einen Post sah, in dem stand: „Zuerst zu jung, dann zu schwanger, dann zu teuer und irgendwann zu alt für den Job. 🤷🏼‍♀️🫣“

Provokant. Leider ist diese, meist unbewusste Haltung, auch bei unseren Mystery-Shopping-Ergebnissen erkennbar, wenn unser Team als Fake Bewerber unterwegs ist.

Die Reaktionsgeschwindigkeiten der Unternehmen im Bewerbermanagement lösen bei mir offen gestanden generell nur noch Kopfschütteln aus, und ich frage mich in solchen Momenten immer, wie ernst steht es tatsächlich um den Fachkräftemangel? Können es sich Unternehmen tatsächlich noch leisten, sehr gut ausgebildete, erfahrene und vor allem in den meisten Fällen mental und auch körperlich starke Persönlichkeiten, aus dem Einstellungsprozess auszuschließen?

Ich bin jetzt 53 Jahre alt und dankbar, dass ich seit bald 16 Jahren erfolgreich als Unternehmerin tätig und aktuell nicht auf Jobsuche bin. Jedenfalls bin ich immer wieder, wenn ich bei Beratungsprojekten oder im Live-Coaching eine gewisse Offenheit und Flexibilität gegenüber 50-plus-Kandidat:innen heraushöre, und die Erleichterung darüber bei den Bewerber:innen spüre, sehr glücklich.

Dass ich mit Altersdiskriminierung nicht nur einbilde, zeigen die Ergebnisse aus der bislang umfassendsten Studie über Altersbilder in der deutschen Gesellschaft, die 2022 durchgeführt wurde.

Hier ein kleiner Auszug aus der Studie:

  • Rund ein Drittel der Befragten stimmt der Aussage zu, dass alte Menschen „Platz machen“ sollten für die jüngere Generation, indem sie wichtige berufliche und gesellschaftliche Rollen aufgeben (32 Prozent).
  • 51 Prozent der Befragten sind für eine Regelung, wonach „Menschen nur bis zu einem bestimmten Alter, wie etwa bis 70 Jahre, politische Ämter haben dürfen“.
  • 53 Prozent der Befragten sagen, ältere Menschen trügen nicht entscheidend zum gesellschaftlichen Fortschritt bei.
  • 40 Prozent sagen, dass junge Menschen von alten Menschen bei der Bewältigung des Klimawandels im Stich gelassen werden. Unter den jüngsten Befragten sagen das sogar 63 Prozent.
  • 74 Prozent der Befragten überschätzen den Anteil der älteren Menschen über 70 Jahre in der Bevölkerung erheblich. Am häufigsten wurde er auf 30 Prozent geschätzt – obwohl er bei rund 18 Prozent liegt.

Vieles erfolgt unbewusst, da bin ich mir sicher. Nur gerade deshalb ist es wichtig, immer wieder auf die Umstände und das falsche Denkmuster hinzuweisen.

Gerade im Recruiting, jedoch auch bei der Mitarbeiterentwicklung bleiben so viele Talente auf der Strecke.

Das können wir uns als Gesellschaft nicht mehr leisten.

Die Jungen von heute werden die Alten von morgen sein. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da weiß ein jeder, wie es sich anfühlt, aufgrund seines Alters schlechter gestellt oder behandelt zu werden.

Der Witz daran ist, dass kann schon morgen sein. Denn egal wie alt Du – vor allem als Frau – bist, anscheinend haben wir nie das richtige Alter.

Und das muss sich ändern. JETZT.

Als HR-Verantwortliche haben wir dazu die Möglichkeit. Jeden Tag.

 * https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/Expertisen/altersbilder_lang.pdf?__blob=publicationFile&v=8